3 wichtige Antworten zum Thema Angsthund
Typische Fragen, die von Angsthundebesitzern immer wieder gestellt werden: „Warum zeigt mein Hund Angst, obwohl nichts passiert ist?“, “ Kann man die Angst durch Aufmerksamkeit verschlimmern?“ Und: „Kann sich der Hund daran gewöhnen?“. Diese Fragen sind sehr wichtig, denn werden diese grundlegenden Dinge nicht berücksichtigt, wird sich das ängstliche Verhalten des Hundes nicht verbessern und jedes Angsthund Training bleibt erfolglos. In diesem Blogbeitrag klären wir genau diese Fragen, damit Dir das nicht passiert!
Inhaltsverzeichnis
Warum zeigt mein Hund Angst, obwohl nichts passiert ist?
Angstverhalten ist keine Strategie! Hunde reagieren mit Angstverhalten, weil es in diesem Moment irgendeinen Auslöser gibt. Keinesfalls verhalten sich Hunde ängstlich, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass Angstverhalten durch regelmäßige Verstärkung konditioniert wird, der Hund also quasi lernt Angst zu haben. Wie das passieren kann und das das nicht bedeutet, dass Du Deinen Hund ignorieren sollst, erfährst Du in diesem Beitrag.
Wenn Du keinen Auslöser erkennen kannst, liegt es meist an einem dieser Gründe:
1. Unterschiedliche Wahrnehmung
Deine Wahrnehmung ist eine ganz andere, als die Deines Hundes. Natürlich einmal, weil unsere Sinnesorgane sich unterscheiden, aber vor allem auch, weil Tiere im Moment leben und es überlebenswichtig ist, kleinste Veränderungen oder Reize aus der Umgebung wahrzunehmen. Dementsprechend feiner reagieren sie und häufig sind es Auslöser, die wir gar nicht bemerken.
2. Die Bezugsperson als Auslöser
Oftmals ist es sogar der Besitzer selbst, der durch seine eigene innere Anspannung, eine Körperbewegung oder seine Stimme das Verhalten des Hundes auslöst oder bestätigt, ohne es zu merken. Hunde beobachten ihre Bezugspersonen sehr genau und reagieren auf die kleinsten Bewegungen. Es kann ein Kreislauf entstehen, aus Verhalten und Reaktionen zwischen Hund und Besitzer. Deshalb ist es sinnvoll, wenn Du Dich selbst in diesen schwierigen Situationen beobachtest, um einen möglichen Zusammenhang zwischen Deinem Verhalten und dem Deines Hundes zu bemerken und umgekehrt.
3. Angst als Gefühlszustand
Nicht immer gibt es einen konkreten, angstbesetzten Auslöser in Form eines Geräuschs oder einer Person. Angst ist ein diffuses Gefühl, das sich durch viele kleinere Situationen aufbaut und das ein Lebewesen durch den Tag begleiten kann. Auch ohne dass es jedes Mal einen neuen Auslöser dafür gibt und ohne dass die Angst immer offensichtlich durch die typischen Ausdruckselemente gezeigt wird. Da eine chronisch, unterschwellig empfundene Angst eine hohe Stressbelastung für den Körper bedeutet, ist die Anpassungsfähigkeit an allgemeine Stressoren herabgesetzt. So können sich diese kleinen Mikrostressoren unbemerkt aufsummieren und zu einer Überreaktion führen, die sich als plötzliche Verhaltensänderungen zeigt.

Kann sich mein Hund an die Angstauslöser gewöhnen?
Natürlich kann man nicht jede mögliche Situation vorhersehen und dadurch verhindern. Aber immer wieder werden Hunde, die Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen haben, absichtlich und planlos in diese Situationen gebracht.
Manchmal weil die Bedingungen unter denen die Besitzer leben, keine anderen Möglichkeiten hergeben. Oft aber auch, weil davon ausgegangen wird, dass der Hund sich mit den Reizen auseinandersetzen muss, um sich daran zu gewöhnen.
Dazu musst Du wissen, dass das nur funktionieren kann, wenn Dein Hund nicht zu gestresst ist und sich erfolgreich mit dem angstauslösenden Reiz auseinandersetzen kann. Erfolgreich heißt, er müsste währenddessen seine Angst vor dem Reiz verlieren, Sicherheit empfinden und im Anschluss mit positiven Gefühlen nach Hause gehen. Tatsächlich ist dies auch das Ziel! Denn wenn sich Dein Hund wiederkehrend für die Lösung „Flucht“ entscheidet, wird dies auch die vorherrschende Strategie und er wird in jeder Situation flüchten, anstatt seine Angst zu überwinden.
In der Realität ist es aber meistens so, dass Angsthunde mit zu vielen Reizen überfordert sind und derart gestresst sind, dass eine erfolgreiche Bewältigung in diesen Situationen nicht möglich ist. Es entstehen immer weitere Angstverknüpfungen. Das bedeutet, dass alles, was während dem Angstempfinden da war oder passiert ist, negativ verknüpft wird und somit die Auslöser für die Angst immer vielfältiger werden. War der Angstauslöser zu Beginn, nur ein einzelnes Geräusch, ist es bald auch der Ort, dann der Weg dorthin, dann weitere Geräusche usw. Hinzu kommt, dass das Gefühl der Angst einen solchen Stress verursacht, dass bereits die Möglichkeit, dass etwas Angstangstauslösendes passiert, Angst verursacht. Man nennt das: „Die Angst vor der Angst“.
Den Hund planlos mit angstauslösenden Reizen zu konfrontieren und zu hoffen, dass er dadurch seine Angst verliert, hat nichts mit einem Angsthunde Training zu tun. Es führt dazu, dass die Angstauslöser generalisieren, d.h. dass immer mehr Auslöser hinzukommen und die Lösungsstrategie „Flucht“ mehr und mehr gefestigt wird.
Natürlich ist es nicht das Ziel alle angstauslösenden Dinge zu vermeiden, aber es bedeutet ein einfühlsames und kleinschrittiges Vorgehen, um eine Überforderung und damit Rückschritte zu verhindern. Dies zu verstehen, ist eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Angsthund Training.
Mehr Informationen zum Thema „Gewöhnung“ und „Desensibilisierung“ findest Du auch in meinem Blogbeitrag: „4 Trainingstools aus der Verhaltenstherapie für das Angsthunde Training einfach erklärt“.
Kann ich die Angst meines Hundes durch Aufmerksamkeit verstärken?
Früher wurde dazu geraten, den ängstlichen Hund zu ignorieren, um ihn nicht in seiner Angst zu bestätigen. Heute weiß man, dass Angst durch Zuwendung nicht verschlimmert wird. Das sagt einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand, denn wenn man sich vorstellt, was einem selbst in diesen Situationen hilft, ist das bestimmt nicht Ignoranz. Schließlich wird man dadurch nicht weniger Angst vor dem Auslöser haben. Und trotzdem kann die Aufmerksamkeit des Menschen, den Hund darin bestärken, dass die Situation gerade tatsächlich gefährlich ist und seine Lösungsstrategie (z.B. Flucht) die richtige ist. Es ist also in der Tat nicht gleichgültig, wie Du auf das Angstverhalten Deines Hundes reagierst.
Stimmungsübertragung
Die meisten Menschen sind in den „Angstsituationen“ ihres Hundes aufgeregt. Wenn mein Hund Angst hat, dann macht das etwas mit mir. Ich bin besorgt, er tut mir leid und vielleicht bin ich auch wütend auf die Situation, die die Angst ausgelöst hat. All diese Empfindungen führen dazu, dass ich selbst nicht mehr ruhig und souverän bin und die nötige Sicherheit ausstrahle. Der Hund nimmt die entsprechenden vegetativen Anzeichen (Pulserhöhung, Anhalten des Atems, Schwitzen) bei seiner Bezugsperson wahr, was für den Hund ein Alarmsignal ist. Noch viel wichtiger aber, ist das daraus resultierende Verhalten der Bezugsperson. Menschen transportieren ihren Stress nach Außen, durch ihre Art zu sprechen und sich zu bewegen. Bewegungen werden hektischer und unüberlegter, die Stimme klingt gestresst und schrill. Man versucht auf irgendeine Art und Weise den Hund zu beruhigen oder wird sogar wütend, weil man sich hilflos fühlt. Man greift zu den unterschiedlichsten Methoden. Das geht von Locken, über gut zureden, trösten, auf den Arm nehmen, hin zu schimpfen oder weiterzerren. All diese unüberlegten Maßnahmen, in Kombination mit den vegetativen Stresssignalen des Menschen bestätigen den Hund in seiner Angst. Das bedeutet nicht, dass gut zureden und auf den Arm nehmen, in bestimmten Situationen, nicht auch sinnvoll sein können. Aber es kommt auf das „Wie“, den Hund und die Situation an.
Verhaltensbestätigung
Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt, den man nicht unterschätzen darf. Hinter jedem Verhalten steht eine Emotion. Wenn ich ein bestimmtes Verhalten meines Hundes bestätige, verstärke ich auch die dahinterstehende Emotion. Mal angenommen, der ängstliche Hund bleibt immer wieder stehen und möchte nicht weitergehen. Er zeigt eine ängstliche Körperhaltung und Du überredest ihn in diesen Momenten durch Locken weiterzugehen. Dadurch verstärkst du erstens das Stehenbleiben (das Verhalten) und zweitens seine Körperhaltung. Körperhaltungen drücken Emotionen aus und umgekehrt können Körperhaltungen Emotionen auslösen. Stell Dir zum Beispiel vor, wie Du Dich fühlst, wenn Du die Schultern hängen lässt oder einfach mal lächelst. Das entsprechende Gefühl stellt sich ein.
Auf der anderen Seite aber, kann die Veränderung der Emotion, das daraus resultierende Verhalten unsinnig machen. Warum sollte Dein Hund stehenbleiben, wenn er Spaß daran entwickelt, spazieren zu gehen. Nehmen wir wieder das Beispiel von oben: Der Hund bleibt stehen, weil er Angst hat einen bestimmten Weg zu gehen. Du gehst zu ihm und unterstützt ihn darin, wieder auf gute Gedanken zu kommen. Mal angenommen, er kann noch Futter nehmen und Du gibst ihm eine Futtersuche und animierst ihn fröhlich, dieser nachzugehen. Deine fröhliche Stimme und die Ablenkung durch das Schnüffeln und Kauen entspannt Deinen Hund und seine Angst löst sich auf. Nun kann er wieder weitergehen. Prinzipiell hast Du ihn mit der Futtersuche für sein Stehenbleiben „belohnt“, da sich seine Angst aber auflösen ließ, kann er weitergehen. Er wird nicht für seine Lösungsstrategie „Flucht“ bestätigt, sondern erfährt, dass man solche Situation mit Hilfe der Bezugsperson bewältigen kann.
Anders wäre die Situation, wenn die Angst gar nicht mehr im Vordergrund steht und Dein Hund das Verhalten nahezu losgelöst von der ursprünglichen Emotion automatisch ausführt. Dann würdest Du Deinen Hund mit Deiner Aufmerksamkeit und dem Umkehren, für sein Stehenbleiben bestätigen. Er wird in der Folge immer häufiger und früher stehenbleiben. Das ist nicht selten, aber nicht immer leicht zu erkennen.

Wie kannst Du es besser machen?
Bestätigung von erwünschtem Verhalten und positive Gefühle fördern
Auch wenn es kompliziert erscheint, das Richtige zu tun, es gibt eine ganz einfache Möglichkeit: Verändere Deinen Fokus! Warte nicht auf konkretes Angstverhalten, sondern bestätige Deinen Hund proaktiv für sein entspanntes, fröhliches Verhalten. Nehmen wir wieder das Beispiel von oben: Statt erst zu reagieren, wenn Dein Hund bereits beginnt nicht mehr weiterzulaufen, solltest Du Deinen Hund für das Laufen selbst, auf eine ruhige und fröhliche Art bestätigen. Im Alltag legst Du Deinen Schwerpunkt darauf, die positiven Emotionen und eine optimistische Einstellung bei Deinem Hund zu fördern.
"Social Support" als Co-Regulation
„Social Support“, also die Aufmerksamkeit und Unterstützung, die Du Deinem Hund in einer Angstsituation gibst, solltest Du als Co-Regulation verstehen! Co-Regulation bedeutet, dass man durch seine eigene innere Stärke und emotionale Ausgeglichenheit einem anderen Lebewesen hilft, wieder in sein emotionales Gleichgewicht zu finden. Auf welche Weise man dies bewerkstelligt, ist individuell unterschiedlich, aber von zentraler Bedeutung ist Dein eigener emotionaler Zustand. Gleichzeitig ist das die schwierigste Aufgabe, denn auch wir Menschen haben schlechte Tage und können uns nicht „zwingen“ in unserer Mitte zu bleiben. Du kannst Dir aber helfen, indem Du Dich darin übst, Deine Reaktionen bewusst wahrzunehmen und überlegt zu handeln. Selbst wenn Dein vegetatives Nervensystem gerade Achterbahn fährt, Du aber trotzdem besonnen reagierst, sendest Du die richtigen Signale an Deinen Hund.
Dein Ziel sollte sein, die Emotion Deines Hundes ins Positive zu verändern. Wenn sich Dein Hund regelmäßig entscheidet zu flüchten, wird das die vorherrschende Lösungsstrategie und er wird sehr bald keine Wege mehr entspannt gehen können. Flucht ist also die schlechteste Lösung. Sie ist wahrscheinlich nicht immer vermeidbar, zum Beispiel wenn Dein Hund derart in Panik ist, dass an eine Beruhigung nicht zu denken ist. Dann kehrst Du natürlich um. Aber wenn es möglich ist, versuche die Emotion Deines Hundes ins Positive zu verändern, damit er lernt, dass sich schwierige Situationen zum Guten wenden können und er bei Dir sicher ist. Das kann über Maßnahmen, wie beruhigenden Körperkontakt, fröhliche Ansprache, Spiel, Futtersuche oder alternative Verhalten geschehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, es muss nur zum Stresslevel des Hundes passen. Ist dieser zu hoch, wird er keine Futtersuche annehmen können, sich aber vielleicht durch Körperkontakt, soweit wieder fangen, dass er die Futtersuche anschließend annehmen kann und so Stück für Stück aus seiner Angst herausgeführt wird.
Fazit
Hunde reagieren mit Angstverhalten, weil es in diesem Moment irgendeinen Auslöser gab. Keinesfalls ist Angstverhalten eine Strategie, die der Hund anwendet, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen! Angst ist eine Emotion und kann konditioniert werden. Dementsprechend kann die Frage: „Kann ich die Angst meines Hundes mit meiner Aufmerksamkeit verstärken?“ mit Jein beantwortet werden. Die Reaktion und das Verhalten der Bezugsperson spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob die Angst mehr oder weniger wird. Bestärkt wird die Angst vor allem, durch gestresste, unüberlegte, verstärkende Reaktionen des Menschen. Ziel sollte immer sein, die Emotionen des Hundes wieder ins Positive zu verändern, damit Flucht nicht die vorherrschende Lösungsstrategie wird. Das kann nur funktionieren, wenn der Hund noch dazu in der Lage ist, sich mit einer Situation auseinanderzusetzen. Wird er planlos wiederkehrend überfordert, kann die Frage: „Kann mein Hund sich an die Angstauslöser gewöhnen?“ mit Nein beantwortet werden. Wird er kleinschrittig und überlegt, an Situationen herangeführt, kann er lernen, damit umzugehen, ohne Angst zu bekommen.
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