4 Trainingstools aus der Verhaltenstherapie für das Angsthunde Training einfach erklärt
Neben vielen verschiedenen Übungen (z.B. zum Erregungsabbau oder zur Entspannung werden in der tierärztlichen Verhaltenstherapie 4 Trainingstools unterschieden, die Anwendung finden bei der Behandlung von Problemverhaltensweisen, wie z.B. einer Angststörung: Die einfache Desensibilisierung, die Gegenkonditionierung, die Gewöhnung und das Einüben eines alternativen Verhaltens. Alle Methoden haben Vor- und Nachteile und die besten Ergebnisse erzielt man, wenn man verschiedene Methoden kombiniert.
Aus diesen generellen Methoden werden für jedes Hund-Halter-Team individuell passende Übungen für ängstliche Hunde zusammengestellt.
Dieser Blogbeitrag stellt alle 4 Trainingstools vor und erklärt die Vor- und Nachteile.
Inhaltsverzeichnis
1. Desensibilisierung
Desensibilisierung bedeutet, dass ein vormals angst- oder stressauslösender Reiz seine Bedeutung verliert. Damit dies funktioniert, muss der Hund während der Desensibilisierung angstfrei sein. Das heißt der Abstand zum angstauslösenden Reiz muss so groß sein, oder die Intensität des Reizes muss so klein sein, dass noch keine Angstreaktion entsteht. Mit zunehmendem Training wird der Abstand zum Reiz verringert, oder die Intensität des Reizes gesteigert. Während der Reiz anwesend ist, darf sich der Hund mit etwas Angenehmen beschäftigen, z.B. eine Schleckmatte schlecken, ein Lieblingsspiel spielen, oder eine Massage genießen.
Das Angenehme beginnt bevor der angstauslösende Reiz kommt. Der angstauslösende Reiz wird so nebenbei präsentiert und wird beendet, bevor das Angenehme aufhört.
Welche Gefahr besteht bei der Desensibilisierung?
Wenn Du Deinen Hund falsch einschätzt und die Intensität des Reizes zu groß ist, sodass Dein Hund einen Stressmoment erlebt, kann es passieren, dass er das Angenehme (z.B. die Schleckmatte oder das Spiel) mit dem Reiz und der Situation verknüpft und es so negativ besetzt wird. Dann ist die Desensibilisierung fehlgeschlagen und Du hast eine weitere Angstverknüpfung verursacht.
Ein weiterer Nachteil ist, dass es mit den meisten angstauslösenden Reizen sehr schwer ist, kontrollierte Bedingungen herzustellen, da die meisten Angstauslöser schlecht zu beherrschbar sind.
Trotzdem ist es ein Trainingstool, das sehr wirksam ist, wenn es gezielt und sinnvoll, in Kombination mit anderen Methoden eingesetzt wird.
2. Gegenkonditionierung
Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bewertung eines Reizes umgekehrt. Wenn also Dein Hund Angst vor Menschen hat, soll er nach erfolgreicher Gegenkonditionierung Menschen gut finden, weil sie für ihn nun etwas Positives bedeuten. Im Gegensatz zur Desensibilisierung bekommt der Reiz für den Hund eine Bedeutung. Im besten Fall eine positive Bedeutung.
Ein Reiz der bei Deinem Hund Angst oder Unsicherheit auslöst, wurde durch irgendeinen Vorfall darauf konditioniert eben diese Emotion auszulösen. Bei negativen Erlebnissen reicht dafür bereits eine einzige Situation aus. Wenn jetzt immer beim Auftreten dieses Reizes etwas Tolles passiert, wird der Reiz umkonditioniert und löst irgendwann ein positives Gefühl aus. Wichtig ist hier, dass das „Tolle“ passiert, nachdem Dein Hund den Reiz wahrgenommen hat und aufhört, sobald der Reiz aufhört.
Welche Vor- und Nachteile hat die Gegenkonditionierung im Angsthund Training?
Gegenkonditionierung ist eine ziemlich zuverlässige Methode und hat den Vorteil, dass der Hund dabei nicht komplett stressfrei sein muss. Sie braucht aber sehr viele Wiederholungen und es ist eine wirklich großartige Belohnung notwendig. Je nach Hund kann es schwierig sein, so eine Jackpot-Belohnung zu finden.
Auch hier muss man kleinschrittig vorgehen und den angstauslösenden Reiz langsam steigern, sonst besteht die Gefahr der Fehlverknüpfung.
Weiterhin muss man sich bewusst machen, dass der Reiz, den man gegenkonditioniert, eine emotionale Bedeutung bekommt. Es ist nicht unbedingt anzustreben, dass alle potentiellen Angstauslöser eine Bedeutung bekommen. Denn auch wenn es eine positive Bedeutung ist, führt es dazu, dass der Hund eine Erwartungshaltung hat, die ihn in eine gewisse Erregungslage versetzt.
3. Gewöhnung (Habituation)
Bei der Gewöhnung wird ein Reiz als unwichtig eingestuft und die Reaktion darauf wird weniger bzw. findet gar nicht statt. Das ist nur möglich bei Reizen, die keine biologische Relevanz für das Lebewesen haben. Futter, Sozialpartner oder potentielle Gefahren haben immer eine Bedeutung, da sie für das Leben wichtig sind. Hier kann also keine Gewöhnung stattfinden.
Gewöhnung an einen angstauslösenden Reiz ist grundsätzlich nicht möglich, da der Reiz bereits eine starke emotionale Bedeutung bekommen hat. Eine Bedeutungslosigkeit würde sich nur noch über eine schrittweise Desensibilisierung einstellen.
Man muss allerdings genau hinschauen. Reagiert der Hund auf einen unbekannten, neuen Reiz erstmal mit Unsicherheit wäre das normal. Wenn der Reiz sich dann als harmlos herausstellt und immer wieder mal da ist, würde sich der Hund daran gewöhnen können.
Hat Dein Hund aber tatsächlich Angst vor etwas, weil er bereits Negatives erfahren hat, oder sind es zu viele unbekannte Reize auf einmal, wird eine Gewöhnung nicht möglich sein.
Es wäre fatal, wenn Du Deinen Hund diesen Situationen aussetzen würdest, mit dem Gedanken, dass er sich daran gewöhnen muss. Wenn Du Pech hast, werden dadurch neutrale Reize negativ verknüpft und lösen später Angst aus, einfach weil sie zusammen mit einem angstauslösenden Reiz passiert sind.
Wenn Dein Hund zum Beispiel Angst vor Menschen hat und beim Passieren eines Menschen fährt ein Motorrad vorbei, kann es sein, dass er das nächste Mal auch Angst vor Motorrädern hat.
Auch zu viele unbekannte Reize auf einmal verursachen großen Stress. Durch den hohen Stresspegel ist eine Gewöhnung schwierig, auch wenn die Reize vorher noch keine emotionale Bedeutung hatten.
Beispiel für eine erfolgreiche Gewöhnung
Dieser Hund sieht zum ersten Mal Kühe und ist sichtlich verunsichert. In diesem Urlaub wird sie noch häufiger auf Kühe treffen. Da die Welt für sie sonst in Ordnung ist und ihre Bezugspersonen gelassen auf die neue Situation reagieren, gewöhnt sie sich mit der Zeit an die Anwesenheit der Kühe und reagiert nicht mehr auf darauf.

Sehr kritisch zu sehen, ist das sogenannte „Habituationstraining“, welches zum Ziel hat, den Hund an angstauslösende Reize zu „gewöhnen“. Der Hund wird gezielt mit einer abgestuften Form des angstauslösenden Reizes konfrontiert und wird dabei sozial unterstützt. Die Konfrontation hält so lange an, wie der Hund eine Stressreaktion zeigt.
Diese Methode ist keine Gewöhnung in dem Sinn, da der Hund bereits Angst vor dem Reiz zeigt. Vielmehr ist es eine abgemilderte Form des „Flooding“.
Beim Flooding wird der Hund dem Angstauslöser ausgesetzt, bis seine Reaktion darauf aufhört. Die Reaktion erlischt, weil der Hund in einen hilflosen Zustand gerät und die Körperenergie für die Angstreaktion erschöpft ist. Der Hund lernt, dass er nichts an seinem Zustand ändern kann. Wenn man Pech hat, wurde der Hund durch dieses Vorgehen auf weitere Reize sensibilisiert. Zum Beispiel auf körperliche Nähe zum Menschen, wenn er dabei festgehalten wurde.
4. Alternativverhalten
Ein Alternativverhalten zu trainieren, bedeutet dass Du Deinem Hund ein anderes Verhalten beibringst, das er in den schwierigen Situationen zeigen kann. Anstelle des bisher gezeigten Verhaltens. Dies wäre z.B. ein Such-Spiel im Gras machen, statt vorbeilaufende Menschen anzubellen. Oder eine sichere Höhle aufsuchen, während eines Gewitters. Im Prinzip kann jeder Reiz zu einem Signal für ein bestimmtes Verhalten werden.
Im Grunde versuchen Halter von Angsthunden genau das, wenn ihr Hund in einer Angstsituation steckt. Sie geben ihrem Hund diverse Kommandos, um ihn zu einem anderen Verhalten zu bringen. Zum Beispiel versuchen sie ihn über ein Platz-Signal zum Hinlegen zu motivieren, wenn er aufgrund eines Gewitters, nervös hin- und her läuft. Das funktioniert nur deshalb nicht, weil es meist nicht durchdacht ist und nicht richtig trainiert wurde.
Damit ein Alternativverhalten im Angsthund Training erfolgreich ist, müssen 3 Voraussetzungen erfüllt sein:
1. Das Alternativverhalten muss mit dem unerwünschten Verhalten unvereinbar sein
Der Hund kann zum Beispiel nicht gleichzeitig seine Bezugsperson anschauen und einen anderen Hund fixieren und anbellen.
2. Das Alternativverhalten sollte die Motivation des Hundes für das unerwünschte Verhalten berücksichtigen
Wenn Dein Hund eine Distanzvergrößerung zu einem Reiz haben möchte, ist es ungleich schwerer ihm ein Sitzen in unmittelbarer Nähe beizubringen, als ein Suchen im Abstand zum Reiz. Du solltest es Dir also nicht unnötig schwer machen.
2. Das Alternativverhalten muss kleinschrittig und positiv aufgebaut werden
Schließlich hat Dein Hund bereits ein Problem mit dem Reiz. Du beginnst also sozusagen im Minusbereich. Hier kann eine Kombination aus Gegenkonditionierung und Alternativverhalten sinnvoll sein.
Welche Vor- und Nachteile hat das Alternativverhalten im Angsthund Training?
Das Alternativverhalten hat den großen Vorteil, dass es Deinem Hund Sicherheit gibt. Weil er genau weiß, was er in der schwierigen Situation tun kann, um seine Situation zu verbessern. Du schenkst ihm also ein Stück Selbstwirksamkeit. Ich sehe immer wieder, wie dankbar Hunde dies annehmen.
Allerdings ist auch hier der Trainingsaufwand relativ groß. Da das alternative Verhalten erst unter einfachen, störungsfreien Bedingungen trainiert werden muss und dann schrittweise auf die schwierigen Situationen übertragen wird. Damit das funktionieren kann, ist es wichtig, dass Du Deinen Hund gut einschätzt. Wenn Du das Alternativverhalten abfragst, wenn die Situation noch zu schwierig ist, kann es passieren, dass Du Dir Dein Alternativverhalten kaputt machst.
Prinzipiell eignet sich aber jedes Verhalten, das Dein Hund gerne ausführt und er vielleicht bereits gut kann, als Aternativverhalten. Ich nutze z.B. für alle möglichen Situationen, das Sitzen in Grundposition.

Teile diesen Beitrag mit Deinen Freunden!
Du wünschst Dir eine individuelle 1 : 1 Betreuung für Dich und Deinen Hund?
Vereinbare entweder einen Online Termin oder einen Termin bei Dir vor Ort!
Online Termin
Sowohl eine telefonische Beratung, als auch Videotermine kannst Du bequem online buchen.
Beachte, dass ich Vor-Ort-Termine nur in einem Umkreis von 40 km anbiete. Wohnst Du weiter weg, buche gerne einen Online Termin.
Vor-Ort-Termin
Für die Terminvereinbarungen vor Ort bei Dir, nutzt Du bitte meine Kontaktmöglichkeiten über Telefon / WhatsApp oder Email, oder schicke mir eine Anfrage über Klick auf den untenstehenden Button.
Weitere interessante Beiträge

4 Trainingstools aus der Verhaltenstherapie einfach erklärt
In der tierärztlichen Verhaltenstherapie werden 4 Trainingstools unterschieden, die Anwendung finden bei der Behandlung von Problemverhaltensweisen: Die einfache Desensibilisierung, die Gegenkonditionierung, die Gewöhnung und das Einüben eines alternativen Verhaltens. Dieser Blogbeitrag stellt alle 4 Trainingstools vor und erklärt die Vor- und Nachteile.

Der Einsatz von Psychopharmaka beim Hund
„Wann sind Psychopharmaka beim Hund sinnvoll?“ „Welche Nebenwirkungen können auftreten und wie läuft eine medikamentöse Therapie ab?“. Dieser Beitrag klärt alle wichtigen Fragen.

Angsthund Training: 3 Voraussetzungen für Erfolg
Oft wird versucht am Verhalten des Angsthundes „herumzutrainieren“, ohne dass die Bedingungen stimmen. Sind die Voraussetzungen nicht gegeben, wird sich auch kein nachhaltiger Erfolg einstellen.
In diesem Blogbeitrag gehe ich auf die wichtigsten 3 Voraussetzungen ein, die nötig sind, damit Dein Angsthund Training von Erfolg gekrönt wird.
Mehr Einblicke in meine Leidenschaft findest Du auf meinen Social Media-Kanälen:
Für Tipps und Infos rund um das Tiertraining und die Verhaltenstherapie folge mir gerne auf Instagram, Youtube oder Facebook.